Humanwissenschaftliches Zentrum
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Ein anderer Ton - Das Hofer Modell

Neue Erkenntnisse der Hirnforschung - Musische Ausbildung, kognitive Funktionen und die Neurobiologie der Emotionswahrnehmung

Eine sinnvolle musikalische Ausbildung kann die mentale Sphäre beeinflussen und das emotionale Reagieren wesentlich prägen. Diese Einsichten stammen aus einer neurobildgebenden Studie, die Hirnforscher Prof. Dr. Ernst Pöppel zusammen mit dem Musikwissenschaftler Prof. Dr. Lorenz Welker und ihrem Team (Dr. Evgeny Gutyrchik, Dr. Thomas Meindl, Petra Carl) abgeschlossen haben.

Die Untersuchung zeigte, dass das Erlernen eines Instruments und gemeinsames Musizieren Voraussetzungen schaffen können, damit junge Leute zu geistig und emotional ausgereiften Menschen heranwachsen. Es lassen sich Transfer-Effekte ableiten, die dem Schul- und Erziehungssystem neue Impulse geben sollen.

Erfahrungen mit dem »Hofer Modell«

Initiator der Studie war das »Kulturunternehmen Hofer Symphoniker«, das in einem bundesweit einmaligen Modell seit nunmehr 30 Jahren sein professionelles Orchester mit den angeschlossenen Einrichtungen einer Musikschule, Kunstschule und Suzuki-Akademie verknüpft hat. Die jahrelangen Erfahrungen mit dem »Hofer Modell« und die Beobachtungen und Vermutungen über positive Auswirkungen einer musischen Ausbildung auf die geistige Fähigkeiten in anderen Lebensbereichen erschienen wichtig genug, um sie in einer wissenschaftlichen Untersuchung überprüfen zu lassen. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie die Oberfrankenstiftung finanzierten die Studie, mit der Professor Pöppel beauftragt wurde.

Es kamen übliche psychologische Tests ebenso zum Einsatz wie das modernste neurobildgebende Verfahren – die funktionelle Magnetresonanztomografie, die Einblicke in das Gehirn-Mechanismen eines emotionalen Reagierens lieferte.

Bei der Wahrnehmung von gesprochenen, emotional gefärbten Sätzen gab es deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen. So zeigte sich, dass das „durchschnittliche“ Gehirn der Musikschüler bei einer freudigen und traurigen emotionalen Färbung gesprochenen Sätzen sehr viel intensiver reagiert als das der Nichtmusiker. Bei der Emotion „Freude“ z.B. sind neben den reinen Reizverarbeitenden oder Reizweiterleitenden Bereichen des Gehirns bei den Musikern auch Hirnareale aktiv, die vermutlich eine emotionale Gefühlsbewertung vornehmen. Dass bei den Nichtmusikern vergleichsweise weniger Gebiete im Gehirn beteiligt waren, könnte auf ein Erkennen der Emotionen, aber auf keine tiefer gehende emotionale Beteiligung hindeuten.

Abbildung 1Abb. 1
Einen noch stärkeren Unterschied im Reaktionsverhalten der Gehirne auf die gesprochenen Sätze konnte bei der Emotion “Trauer“ festgestellt werden (Abb. 1). Bei den Musikern wird die Emotion offensichtlich intensiver wahrgenommen und es konnten auch Hinweise auf das Wiedererleben von Situationen aus der eigenen Vergangenheit erkannt werden. Im Gegensatz dazu scheinen die Nichtmusiker weniger emotional beteiligt zu sein und versuchen, die Situation eher rational zu verarbeiten. In den unten gezeigten Aufnahmen bedeuten die roten Gebiete eine stärkere Reaktion bei der Musikschülergruppe und die blauen Gebiete eine stärkere Reaktion bei der Gruppe der Nichtmusiker. Hirnareale, die bei beiden Gruppen gleichermaßen aktiv waren, sind nicht sichtbar.

Abbildung 2Abb. 2
Ein ganz anderes Bild zeigte sich bei der Emotion „Angst“ (Abb. 2). Hier ist eine intensivere Reaktion bei der Nichtmusiker-Gruppe zu beobachten, während die Musiker-Gruppe nur eine geringe Reaktion im Hirnstamm zeigt. Für Letztere könnte bedeuten, dass das Erkennen ängstlicher Sprachmuster bereits auf der ersten Ebene der Hörreiz-Verarbeitung zu einer Hemmung der Weiterleitung führt. Die Nichtmusiker zeigen auffallend „überwältigende“ Beteiligungen und es wird offensichtlich ihre bildliche Vorstellungskraft geweckt. Die Gruppe leidet mit, und Erinnerungen an erlebte Angst werden wachgerufen. Anders als die Musiker lassen sie sich wohl von dieser negativen Emotion mitreißen.

Die Bilder zeigten dagegen praktisch keine Unterschiede zwischen der Musiker-Gruppe und der Nichtmusiker-Gruppe beim Anhören von Musikstücken. In Gesprächen mit einigen der Musikschüler war dann zu hören: „Diese Computer erzeugten Musikstücke sind uninteressant und langweilig und berühren nicht.“

Aus den Ergebnissen der Studie lies sich auch schußfolgern, dass durch langjährigen Musikunterricht psychosoziale Fähigkeiten und Kompetenzen gefördert werden können, die zu Recht als Grundlage für das Knüpfen echter, tiefgehender und dauerhafter Beziehungen, für eine konsequente und zielstrebige weitere Ausbildung und für selbstsicheres Verhalten im späteren Leben angesehen werden. So zeigten die Musikschüler eine verbesserte Aufmerksamkeit und Konzentration über einen längeren Zeitraum, sind besser in der Lage, Emotionen differenzierter wahrzunehmen und zu erleben.

Vor diesem Hintergrund wäre die nachhaltige Förderung und der weitere Ausbau eines intensiven Musikunterrichts, wie er in Hof durchgeführt wird, dringend erforderlich – nicht nur wegen der auf der Hand liegenden Vermittlung kultureller Bildung, sondern vor allem auch wegen der vielfältigen positiven Transfereffekte.

Aus Sicht der Wissenschaft sind noch viele spannende Fragen zu beantworten.

Kontakt


Petra Carl, M.P.H. postgrad.
petra.carl@hwz.uni-muenchen.de

 


Zurück zur Startseite